Peter Wegner

Der depressive Fernsehgast.
Zur Psychoanalyse von »Fern-Sehen und Selbstverlust«
als intermedialer Prozess.


Öffentlicher Vortrag:
Institut für Psychoanalyse, Tübingen,
14.01.2004

1. Ein Roman "Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen" des Tübinger Autors Kurt Oesterle schildert den Vormarsch des Fernsehens in einer württembergischen Dorfidylle Ende der fünfziger Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Protagonist, ein aufgeweckter Junge aus protestantisch-fernsehlosem Haushalt, in dem das Fernsehen als Sünde an sich gilt, versucht sich verbotenerweise Zugang zu den aufregenden 'laufenden Bildern' in den Nachbarhaushalten zu verschaffen. Seine gezielten Streifzüge durchs Dorf, die seine Neugier, sein Interesse und seinen Hunger auf die Welt stillen sollen, machen ihn zum 'Fernsehgast', der dabei nicht nur in den Genuss verschiedener Filme kommt, sondern darüber hinaus ganz persönliche Beziehungen zu den höchst unterschiedlichen Nachbarn aufnehmen muss. Hat er doch eine gestaffelte Fernsehgastgeberliste, die sicherstellen soll, dass er ja keine Sendung verpasst. Overath und Koch (20/21.12.2003, Neue Züricher Zeitung) schreiben: "Er wird der 'Fernsehgast' des Dorfes und dabei der unfreiwillige Chronist jener mentalitätsgeschichtlichen Wende, die die bäuerlichen Stuben zu modernen 'Wohnzimmern' machte. Abends, wenn er von seinen sündigen Schauzügen nach Hause kommt, muss er an der Küche der Großeltern vorbei. Hier herrscht eine andere Zeit. Die beiden Alten warten, dass es Abend wird."

Der Roman von Kurt Oesterle ermunterte mich der Frage nachzugehen, welche Veränderungen und Konsequenzen jene 'mentalitätsgeschichtliche Wende' durchgemacht hat, wie aus einem an- und aufregenden Medium 'Fernsehen' die Funktion eines Objektes werden konnte, welches jetzt auch für die Abwesenheit zwischenmenschlicher Kommunikation steht. Was ist damit gemeint?

In dem Film 'Cast Away - Verschollen' von Robert Zemeckis (USA 2000), spielt Tom Hanks den einzig Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Vier Jahre muss er alleine auf einer kleinen Insel im Pazifik ausharren, bedroht von Verdursten und Verhungern, aber auch von unaushaltbaren Gefühlen von Einsamkeit. Er bevölkert seine Welt mit einigen Zeichnungen an Felswänden, aber vor allem mit einem zu einem Gesicht bemalten Fußball, dessen Oberseite mit Haaren aus Zweigen drapiert ist. Dieser, von ihm anthropomorphisierte 'Wilson' wird zu einem dauerhaften Begleiter, Gesprächspartner, einem innigen Freund und manchmal zum Ziel seiner Wut und Enttäuschung, mit all den dazugehörigen Schuldgefühlen und Wünschen nach Wiedergutmachung. Es ist 'Wilson' der dem Verschollenen ermöglicht seine Einsamkeit zu ertragen, illusionär aber durchaus wirksam zu kommunizieren und notwendige Überlebensstrategien zu verfeinern.

Während Kurt Oesterle in seinem Roman, aus der Perspektive eines kleinen Jungen, die Abenteuer, die mit dem Entdecken der ungeheuren Neuigkeiten des Fernsehens verbunden sind, zur Darstellung bringt, scheinen manche unserer Patientinnen und Patienten heute, mit dem Fernsehen ganz andere Beziehungen zu gestalten. Für letztere ist das Fernsehen zum 'Wilson' ihrer Überlebensstrategien geworden, ein Objekt, das sie aus Ratlosigkeit, Einsamkeit und Isolation retten soll, ohne dass es diese Funktion letztlich übernehmen kann.

Der Protagonist in Oesterle's Roman und Tom Hanks im Film mit seinem 'Wilson' zeigen genau die Aspekte einer entwicklungsfördernden Fantasie und Bildung von illusionären Objektobjektbeziehungen, die manche unserer Patientinnen und Patienten zwar erhoffen, aber nicht mehr realisieren können. Ihr Fern-Sehen kann das seelische Verschollensein bzw. ihre Abgeschiedenheit mitten in der Welt, nur scheinbar aufheben und führt zu noch größerer Einsamkeit und Verzweiflung. Bei ihnen versagt die Unterhaltungsindustrie, weil der Unterhalt den sie gewährt letztlich zu seelischem Verdursten und Verhungern führt, oder wie es der kürzlich verstorbene Professor für Media Ecology Neil Postmann titelt: "Wir amüsieren uns zu Tode" (Postmann, 1985/2002).

Während der Protagonist in Oesterle's Roman und der verschollene Tom Hanks, wenn auch auf unterschiedlichem seelischen Niveau, Identifizierungen mit Objekten vornehmen konnten, die den "permanenten intrapsychischen Dialog über Konflikte weiterbefördern", finden "audio-visuelle Medialisierungen" häufig Verwendung als Abwehren für darunter liegende spezifische Psychodynamiken. Danckwardt, 1994, hat in einer frühen Arbeit mit dem Titel "Veränderungsangst und mediale Normierung der inneren Realität", bereits auf diese Zusammenhänge präzise hingewiesen. Mit ihm ist mir aber wichtig zu betonen, dass Medialisierungen "nicht per se entwicklungshemmend sein" müssen, eine Position, die Neil Postman's Medienkritik relativiert. Deshalb teile ich auch Danckwardts Auffassung, dass medienkritische Analysen bisher häufig einseitig und eingeengt vorgetragen worden sind (z.B. reduziert auf die Entwicklungsaspekte von Kindern und Jugendlichen und auf populistische Aspekte von Gewalt oder Perversion).

2. Wie können wir audio-visuelle Medialisierungen und intermediale Prozesse als pathologische Beziehungserfahrungen beschreiben und wie schlagen sich derartige Erfahrungen in psychoanalytischen Behandlungen nieder? 50 Jahre Fernsehen haben wir im Jahr 2002 in Deutschland gefeiert und gut 100 Jahre psychoanalytische Traumdeutung liegen hinter uns. Während seit einem Jahrzehnt im Gesundheitswesen ein irrationaler Verteilungskampf tobt, der u.a. beinahe dazu geführt hätte, die hochfrequente psychoanalytische Behandlung (also mit 4 oder fünf Wochenstunden) von der Regelversorgung auszuschließen, steigt der tägliche Fernsehkonsum unserer Nation kontinuierlich. Das Schwäbische Tagblatt berichtet unter der Überschrift "Die Lust am Fernsehen steigt", dass der tägliche Fernsehkonsum im Schnitt (von Menschen ab drei Jahren) auf 207 Minuten, also 3 3/4 Stunden, gestiegen ist. Man stelle sich das vor! Das bedeutet, dass viele Menschen das zwei bis dreifache dieser Zeit den Fern-Seh-Apparat laufen haben, der in die Ferne sieht, ohne das wir wirklich dabei sein könnten, der Entfernungen ohne Mühe überwindet, der Jahrhunderte ohne Wartezeit überspringt, der zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit nicht mehr unterscheidet. Die schon erwähnten Autoren Overath und Koch fassen zusammen: "Der glückliche Augenblick braucht die Wartezeit in seinem Rücken; ihr verdankt er seine Intensität als Geschenk." Eine angemessene Reflexion dieses Phänomens scheint mir noch auszustehen, vermutlich sind wir noch Analphabeten bezüglich der Auswirkungen medialer Einflüsse auf unser aller seelisches Funktionieren.

Aber was haben Medialisierungen mit der Traumdeutung zu tun? Danckwardt konnte dies überzeugend an einem klinischen Beispiel zeigen (Danckwardt et. all., 1996). Er berichtet über die Interaktion von nächtlichem Fernsehen und Vermeidung von Alpträumen, bei einem Patienten mit sexuellen Störungen. Er schreibt: "Der Patient entdeckt, dass er durch langes Fernsehen zweierlei erreicht. (a) Er kann so lange fernsehen, dass er nach dem Einschlafen nicht mehr in REM-Phasen hineinkommt (in der Regel zwischen 0 und 2-3 Uhr morgens) und durch diese antizipierende Vermeidungsbewegung für die kurze Zeit, die er dann schlafen kann, keine Albträume... zu bekommen. ...(b) Das Fernsehen dient ihm als Gegenbesetzung. Die Gegenbesetzung kann er in zweifacher Weise benützen. Einerseits als externalisierte (stellvertretende) Konfliktlösung. Damit kann er in Trevialfilmen und -serien, die üblicherweise zu diesen Stunden auf nahezu sämtlichen Kanälen laufen, libidinöse oder aggressive Konflikte 'gelöst bekommen'. Er kann sozusagen, je nach Identifizierung mit den Protagonisten, 'Fertiglösungen introjizieren'. Sendungen, die dieses Ziel nicht erreichen, führen zur Fortsetzung des Fernsehens. Zweitens: Er kann einem Traumentstehungsmechanismus nach dem Vorbild des Tagesrestes folgen. Dann benutzt er die Gegenbesetzung anders. Nicht dass er mit der dadurch erfolgten Visualisierung seine eigenen Konflikte 'gelöst' hätte. Vielmehr hat er sich einer visuellen Intrusion ausgesetzt mit der Folge, dass sich seine gesamte unbewusste Aufmerksamkeit innerlich externalisiert weiterhin mit dieser intrusiven Bildübermacht beschäftigt. Dies war an der paradoxen Reaktion erkenntlich, dass er Sendungen, die keinen 'glücklichen' Ausgang nahmen, nicht mit einer Fortsetzung des Fernsehens beantwortete. Ihm war so, als habe er den ganzen Schlaf über mehr oder weniger die Originalszenen angeschaut. So überstand er die Nacht."

Wenn ich die Darstellung richtig verstanden habe, erfordern aber die beschriebenen Ab-wehren, bestimmte funktionierende Strukturvoraussetzungen dieses Patienten. Er scheint über die Vorgänge ausreichend nachdenken und kommunizieren zu können, er kann etwas 'entdecken' und er ist sich z.B. seiner Ängste vor Alpträumen bewusst. Bei anderen Patienten werden entsprechende Gegenbesetzungen nur in rudimentärer Form eine Rolle spielen, der Transport ihrer Bedeutungen in die analytische Situation gelingt kaum und bekommt darüber eine andere Qualität. Vielmehr werden bestimmte primitive Formen von inneren Beziehungen aktualisiert und transportieren ­ formal betrachtet ­ Beziehungsgleichungen in die Übertragung- und Gegenübertragung des psychoanalytischen Prozesses bzw. reproduzieren bestimmte überdauernde Charakterdeformationen. Solche Formen von Abwehren gegen das Erleben von Identitätsverlust und Zerstörung von libidinösen Besetzungen an sich, bedienen sich häufig projektiver und introjektiver Identifizierungen, die den Anderen ganz in Beschlag nehmen und die darauf angewiesen sind, dass der Andere fühlbar reagiert. Tut er das nicht in erhoffter Weise, drohen die Abwehren zusammenzubrechen und der Patient ist katastrophalen Gefühlen von Leere und Sinnlosigkeit ausgesetzt.

Ich vermute das solche Patienten in einer speziellen Weise 'fern-sehen', das heißt, sie sehen nicht die Inhalte die die Bilder nahe legen, sondern sie sehen gewissermaßen unbemerkt durch den vorgegebenen Narrativ hindurch, in eine Ferne, in der sie vermeintlich etwas sehen, was so gar nicht dargestellt wurde, aber sie werden darüber nicht glücklich, weil ihre aktive Beteiligung an der Erreichung des Ziels nicht erforderlich ist bzw. das Fernsehen nicht fühlbar persönlich reagiert. Dabei verwenden sie rudimentär und partiell sehr wohl die Mechanismen die Danckwardt beschrieben hat, aber diese Bedeutungen werden nicht ausreichend als Gedanke geformt, sondern in der Lava, einer inneren nur unzulänglich gebändigten Explosivität, eingeschmolzen und sogleich wieder vernichtet. Hinter der erlebten generell explosiven Unruhe lauern die Leere und eine diffuse Vorstellung darüber, dass der einzig positive Besitz das Scheitern ist: Eine längst aufgegebene Hoffnung, die Möglichkeit jeden Anderen durch einen melancholischen Triumph zu überflügeln, weil niemand gebraucht und ersehnt wird. Oder um es mit einem Romantitel von Peter Handke zu sagen: "Das wunschlose Unglück" hat Einzug gehalten. Diese paradoxe Unabhängigkeit aufzugeben stellt die größte Gefahr dar. Das dauerhafte oder nächtliche Fernsehen besitzt insofern eine ungeheure Attraktivität, weil es, das Misslingen des Wunsches nach wahrhaftigem Austausch vollständig ad absurdum führt, und dadurch ermöglicht diesen melancholischen Triumph zu bewahren.

3. Mediale Beziehungserfahrungen werden uns häufiger als früher beschäftigen müssen. Die Psychoanalyse hat eine Anzahl recht geheimnisvoll wirkender Formen von Austauschprozessen zwischen Analysand und Analytiker auf den Begriff gebracht, z.B. projektive und introjektive Identifizierungen, die nicht so ohne weiteres verständlich sind. Während Übertragung und Gegenübertragung jeweils bei einem Partner des psychoanalytischen Paares festgestellt und untersucht werden, fordern projektive und introjektive Identifizierungen, in konkreter Weise Einfluss auf den jeweils Anderen. Die Konzeptualisierungen dieser Mechanismen stellen einen ungeheuren Fortschritt im Verständnis psychoanalytischer Prozesse dar, vor allem in Bezug auf frühere Störungsanteile von Patienten, weil sie erklären können ­ wie Psychoanalytiker durch verbale und nonverbale Mitteilungen ihrer Patienten ­ in deren unbewusste seelische Konfliktlösungsversuche ­ interpersonell einbezogen und auf einer unbewussten Funktionsebene gewissermaßen vom Patienten instruiert werden. Leider sind diese Vorgänge schwer theoretisch verständlich zu machen, wenn entsprechende eigene klinische Erfahrungen nicht vorliegen, sie sind andererseits, aber notwendig um moderne Psychoanalyse ausreichend nachvollziehen zu können. Freud verdanken wir die fundamentale Einsicht, dass mit allem was der Patient spricht auch der Psychoanalytiker gemeint ist. Melanie Klein, ihren Schülern und den britischen Objektbeziehungstheoretikern verdanken wir die Einsicht, dass alles was der Psychoanalytiker in der analytischen Situation erlebt und fühlt, ob ausgesprochen oder nicht, Bestandteil des Erlebens und Fühlens des Patienten sein kann. Kompliziert wird diese Einsicht dadurch, dass in der Psychoanalyse ­ was lange Zeit nicht wirklich zur Kenntnis genommen wurde ­ bei einem solchen Funktionieren, auch die umgekehrte Richtung, also vom Psychoanalytiker auf den Patienten, angenommen werden muss. Diese Richtung der unbewussten Einflussnahme (neben den Deutungen) des Psychoanalytikers kann letztlich methodisch nur dadurch minimiert werden, indem eine strikte Behandlungstechnik und eine permanente introspektive Haltung des Psychoanalytikers Anwendung findet. Vor allem deshalb ist die detaillierte Festlegung des Settings und gegebenenfalls begründeter und explizit gemachte Abweichungen, von so enormer Wichtigkeit für eine erfolgreiche psychoanalytische Arbeit. Diese Fortschritte in den letzten Jahrzehnten scheinen mir aber in der Öffentlichkeit nicht wirklich angekommen zu sein, vielleicht deshalb, weil spektakuläre Veränderungen psychoanalytischer Grundannahmen nicht damit verbunden waren. Mancher zieht daraus den falschen Schluss, dass sich die Psychoanalyse seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht verändert habe und damit ihre Antiquiertheit bewiesen sei.

4. Wie erleben wir audio-visuelle Medialisierungen in klinischen Prozessen? Ich will versuchen ihnen skizzenhaft am Beispiel einer schwer depressiven Patientin darzustellen, wie die ganze Entwicklung dahin tendierte den Psychoanalytiker als einen Fernsehgastgeber zu verwenden. Mein depressiver Fernsehgast gehört zu den modernen Menschen, denen es gelungen ist kaum aufzufallen, dabei aber so absonderlich zu leben, dass man es kaum nachzuvollziehen vermag. Ihre lebenslange unbehandelte depressive Erkrankung hatte sie um ihr vierzigstes Lebensjahr so in die Enge getrieben, dass sie Hilfe aufsuchen musste, wollte sie nicht ständiger Gast einer psychiatrischen Anstalt werden. Dass sie dabei einen Psychoanalytiker für sich ausfindig machen konnte, gehörte zu den Überraschungen, die auszulösen, ihr immer wieder gelingen konnten. Trotzdem verlief unser erster Kontakt und schließlich die Behandlungsvereinbarung alles andere als normal. Sie konnte zwar mitteilen, dass sie Hilfe bräuchte, aber keineswegs ob und was sie für sich selber anstrebte oder erwartete. Auch gab sie vor, dass sie ganz einverstanden mit mir sei, aber nicht aus diesem oder jenem Grund, sondern einfach, weil es ihr schien alleine nicht überleben zu können. Für viele Jahre bestand unser größtes Problem darin, dass sie kaum mit mir sprach, eine grundsätzliche Schwierigkeit für den psychoanalytischen Prozess, ist er doch weitestgehend darauf angelegt, mithilfe der symbolisierenden Verständigung zu funktionieren.

Obwohl meine Patientin schon knapp zwanzig Jahre nach einem akademischen Studium berufstätig war, führte sie das Leben eines Sozialhilfeempfängers. Sie wohnte zur Untermiete, auf kleinstem Raum und ohne eigenes Mobiliar. Sie kochte nichts, lebte aus Dosen oder von der Mensa und ihr Einkommen hatte sie zu einem größten Teil einer radikalen Partei zur Verfügung gestellt, von der zu trennen ihr seit einem Jahrzehnt nicht gelungen war. Dass sie bis dahin nicht ohne schlechtes Gewissen ihre Arbeit mehr schlecht als recht erledigen konnte, wie sie berichtete, schien kaum verständlich, war aber eine Tatsache. Sie hatte keinen Arbeitstag wegen Krankheit gefehlt, war ­ wie man sagt ­ immer 'gesund' gewesen.

Sie hatte noch nie wirklich eine intime Beziehung zu einem Mann, vermochte aber mithilfe der einen oder anderen, meist heftig beneideten Freundinnen, den Eindruck eines sozialen Eingebundenseins aufrechtzuerhalten. Ich habe an anderer Stelle ausführlich über den Verlauf dieser langen psychoanalytischen Behandlung berichtet. Für den jetzigen Zusammenhang möchte ich mich auf die Darstellung der intermedialen Prozesse beschränken, die in gewisser Weise erst während der Analyse ihre bedeutende Funktion bekamen. Denn das Fernsehen und seine Möglichkeiten entdeckte sie in all seinen Facetten erst in der Analyse. Eine Zeit lang schien es, als ob sie mithilfe des Fernsehens tatsächlich lernte, "die Welt neu zu entdecken". Ihre Familie gehörte übrigens zu genau denen, die als Fernsehgastgeber nicht in Frage gekommen wären. Aber, ihre Eltern, wussten das Verbot die Nachbarn und deren Kinder zu besuchen, erfolgreich durchzusetzen. Erst als die Kinder längst alle das Haus verlassen hatten, hielt das Fernsehen in ihrer Familie Einzug. Aber es gab ein opulentes Radio im Sonntagswohn- bzw. Esszimmer, welches nur an Sonn- und Feiertagen Benutzung fand und dann nur vom Vater alleine in Gang gesetzt werden durfte. Nicht etwa, weil man die Ätherwellen für gefährlich hielt, wohl aber das ungebührliche und verschwenderische Benutzen des teuren Gerätes. Die Gefährlichkeit des Benutzens und Verbrauchens steckte meiner Patientin übrigens ein Leben lang in den Knochen. Alle Dinge des täglichen Lebens betreffend und nicht zuletzt ihren eigen Körper. Deshalb hielt sie sich lange Zeit von den meisten Dingen fern und verlagerte sich darauf zu berechnen, wie viel sie durch diese Abstinenz einsparen konnte. Das Einsparen war das einzige Glück ihres Lebens, bis sie, schon in Analyse, entdeckte das die fernsehende Unterhaltung, gewissermaßen rechnerisch betrachtet, ein einziges «Schnäppchen» darstellte. Alles kam ihr ohne die Anstrengungen persönlicher Auswahl ins Haus und sie sparte nachhaltig an Körperenergie und Material. Dafür überwand sie die tief sitzende Scheu einen teuren Fernsehapparat anzuschaffen und machte sich klar, dass selbst eine drohende Neuanschaffung noch eine gute Bilanz versprach.

Zum Arrangement der neuen Errungenschaften gehörte schließlich eine weitere Anschaffung: Ein komfortabler Fernsehsessel. Auch hierzu bedurfte es schwerwiegender innerer Veränderungen, denn, ihn täglich zu benutzen gemahnte an Verschwendung und 'Geld mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen'. Das in Anspruch nehmen des 'kulturellen Unterhaltes', wurde flankierend abgesichert durch Rauchen und Trinken, was ihr offensichtlich ohne moralische Verbiegungen gelang, weil durch den selbstschädigenden Charakter dieser Neigungen, vermeintlich keine moralischen Vorwürfe abzuleiten waren. Dass in ihren Rechnungen Denkfehler und blinde Flecke enthalten sind, teilt meine Patientin mit all denen die sich von zwanghaft-depressiven Konstruktionen bestimmen lassen. Realität ist in diesem Ruminieren nur bedingt enthalten.

Über die Jahre hatte sich in mir eine Vorstellung darüber abgebildet, welche Beziehung mein depressiver Fernsehgast zu ihrem 'Fernseh-Wilson' etabliert hatte. Aber auch diese Fernseh-Beziehung war immer durchdrungen von einem elementaren und hochexplosiven Schuldgefühl, dass herauskommen könnte, was für ein schlechter Mensch, was für ein Versager sie eigentlich ist.

Regelmäßig verlässt sie wie gehetzt zum erstmöglichen Zeitpunkt die Dienststelle. Sie ist erschöpft von der Arbeit, an Essen kann sie jetzt nicht denken. Auf der Fahrt ist sie vielmehr in einen inneren Monolog und viele aufkommende Zweifel verwickelt: Eine Mischung aus hoffnungsvoller Erwartung und erneut drohenden, bedrückenden Erledigungen.

Wie wird sie den Nachmittag und den Abend verbringen? Welche Erledigungen wären notwendig, welche Arbeiten für den Beruf stünden an?

Gibt es noch etwas zu essen im Haus? Oder muss sie womöglich den mühsamen Umweg eines Einkaufs auf sich nehmen? Hatte sie gestern nicht schon das Aufräumen der Küche verschoben? Gibt es überhaupt noch sauberes Geschirr? Vielleicht sollte sie für heute ganz vermeiden die Küche zu betreten?

Alle diese Gedanken steigern ihre Erschöpfung ins Unermessliche, bis sie zu Hause angekommen ist. Sie fühlt sich übermüdet und zerschlagen. Sie muss sich ausruhen. An einer Tankstelle, die keinen Umweg erfordert, die sie deshalb gerne aufsucht, auch weil ihr dort niemals Nachbarn oder Bekannte begegnen, kauft sie zwei Brezeln und Zigaretten. Bei den Zigaretten hat sie gezögert. Sie rechnet, wie viele für den Abend notwendig sind und wie lange sie morgen reichen müssen. Sie entscheidet sich für zwei einzelne Schachteln. Eine Stange wird sie erst Anfang des nächsten Monats kaufen. Sie rechnet, wie viele Zinsen ihr dafür am Ende des laufenden Monats gutgeschrieben werden. Aber die Zahlen verwirren sie. Wenn sie Zeit findet, wird sie das genauer ausrechnen.

Zu Hause angekommen stellt sie alles im Flur ab und raucht drei bis vier Zigaretten im Stehen auf dem kleinen Balkon. Sie überlegt, welche Vorbereitungen für die Arbeit sie auf Morgen verschieben kann. Das sieht gut aus, aber sie hat Zweifel. Ihr bricht Schweiß aus. Heute ist sie zu erschöpft. Als erstes muss sie das Fernsehprogramm lesen. Das Programm ist vielversprechend. Erschöpft fällt sie bekleidet aufs Bett.

Während der Nacht schläft sie gewöhnlich schlecht. Vor allem wacht sie regelmäßig gegen vier oder fünf Uhr auf und kann dann nicht mehr einschlafen. Sie ist gequält von all den Aufgaben, die sie am Abend zuvor nicht erledigt hat. Wieder wird sie gänzlich unvorbereitet zur Arbeit kommen. Früher litt sie unter heftigen und wiederkehrenden Alpträumen, die sie stark irritierten und denen sie sich schutzlos ausgesetzt fühlte. Nachmittags hinge-gen kann sie ihre Erschöpfung und Müdigkeit angstfreier spüren. Sie überlegt, ob sie einen Wecker stellen muss, um die erste ausgesuchte Sendung nicht zu verpassen. Zur Tagesschau würde sie aus Gewohnheit von alleine aufwachen. Die Tagesschau ist eine sichere Bank für den Start in einen guten Fernsehabend. Heute kommt eine Sondersendung um 19.00 Uhr, wie sie in der Tageszeitung entdeckt hat, die sie zur Sicherheit deshalb immer noch einmal be-fragt. Die Zeit wird knapp. Sie spürt ein heraufkriechendes Angstgefühl, dass sie zu wenig Zeit zum Schlafen haben könnte. Sie raucht noch eine Zigarette, dann schläft sie ein.

Sie schläft mit einer gewissen Entspannung und einer freudigen Erwartung, tief und schwer wie ein Stein. Manchmal träumt sie sogar, kann sich aber fast nie entsinnen. Erschreckt wacht sie auf. Ist es schon nach sieben? Hat sie womöglich den Beginn des Fernsehabends verpasst? Die Zeit eilt. Es bleibt dabei, in die Küche kann sie nicht mehr. Sie überlegt, ob ihre Tasche für den nächsten Tag ergänzt werden muss. Sofort überfällt sie ein schmerzhaftes Schuldgefühl. Der Schlaf war nicht erholsam. Sie empfindet einen leichten Kopfschmerz. Vermutlich hat sie etwas Wichtiges vergessen. Das Telefon klingelt. Das passiert selten, aber jedes Mal ist sie erschreckt. Wer könnte das sein? Sie hat jetzt keine Zeit zu telefonieren. Sie ist noch nicht vorbereitet. Was, wenn eine ihrer Freundinnen fragt, ob sie sich für nächste Wochenende verabreden sollen? Sie hat das Programm fürs Wochenende noch nicht studiert. War da nicht eine Weltmeisterschaft? Der Tatort und Christiansen am Sonntag sowieso. Und dann der 'Talk im Turm' im Dritten? Sie beschließt, nicht ans Telefon zu gehen. Sie hat einfach zu wenig Zeit. Wann soll sie das alles erledigen? Dann folgt eine weitere Welle von Schuldgefühlen. Sie beginnt sich zu ärgern. Der Abend steht unter einem unglücklichen Stern. Sie hat den Wein noch nicht geöffnet, weil sie den Öffner nicht finden kann. Sie muss eine neue Schachtel Zigaretten öffnen und fällt erschöpft in den Fernsehsessel. Mit jeder weiteren Zigarette lässt das Hungergefühl nach. Wenigstens das 'Wetter' hat sie nicht verpasst, der Krimi in Pro7 scheint gut zu sein. In aller Regel vermeidet sie private Sender, weil sie die Werbepausen schon aus ideologischen Gründen ablehnt. Andererseits ist ihr aufgefallen, dass es diese Pausen sind die ihr komfortabel ermöglichen schnell eine Brezel zu holen oder erneut nach dem Flaschenöffner zu suchen. Sie versinkt in den Feierabend. Alles wird gut!

Erschreckt stellt sie fest, dass der Krimi dem Ende entgegengeht. In der nächsten Pause muss sie das Programm nochmals studieren. Eine Frau in dem Film sah sehr gut aus. Sie macht sich klar, dass sie noch nie eine gute Figur hatte. Im Gegensatz zu ihrer erfolgreichen Schwester, der es aber mindestens so schlecht geht wie ihr. Sie fühlt sich leer und schiebt die unerfreulichen Gedanken weg. Sie wird darüber nicht in der nächsten Analysestunde reden. D.h., bis dahin wird sie das alles vergessen haben, wie sie sicher weiß. Sie zieht in Erwägung sich doch noch an den Schreibtisch zu setzen, aber jetzt ist sie endgültig zu müde. Sie fragt sich was ich wohl damit meine, dass sie sich mit ihren Schwächen anfreunden könne? Sie weiß doch, dass nur herauskommen kann, dass sie sich durch ihre Arbeit schummelt, ohne etwas zu leisten. Gerade jüngere Kolleginnen haben sie längst überholt. Anstrengungen kämen zu spät. Nie wird sie das aufholen können.

Zufällig findet sie den Hinweis auf eine Talkshow in Bayern3, der ihr bisher entgangen ist. Ein psychologisches Thema? Sie wird dort hineinschauen, um zu erkunden, ob ein Psychoanalytiker teilnimmt. Dann ist die morgige Analysestunde gerettet. Sie hätte ein Thema zum Reden. Sie fühlt sich besser. Aber sie sollte, falls der Talk nicht das hält was er zu versprechen scheint, gleichzeitig den Beginn des Actionfilms in Sat1 im Auge behalten. Jetzt ist sie angespannt, damit ihr beide Sendungen nicht entgehen. Sie hat den Verdacht, dass in die Fernbedienung neue Batterien müssen. Sie könnte heulen. Schon wieder türmt sich unerledigte Arbeit vor ihr auf. Wann soll sie das erledigen? Actionfilme sieht sie eher nicht. Aber es scheint keine sinnvolle Alternative zu geben. Die Dokumentation in Arte wäre eine, aber sie befürchtet, dass sie mit Untertiteln gesendet wird. Sie ist schon zu müde um sich dermaßen zu konzentrieren. Der Talk in Bayern3 findet ohne die Teilnahme eines Psychoanalytikers statt. Aber sie ist nicht sicher. Die Vorstellung der Runde hat sie doch verpasst. Sie ist enttäuscht. Beim nächsten Film, dessen Titel ihr ebenfalls entgangen ist, schläft sie zum ersten Mal ein. Aber sie wacht bald wieder auf, hat einen trockenen Mund und fühlt sich krank. Sie macht sich Sorgen um ihre Gesundheit, um den morgigen Tag und was sie nur in den anstehenden Ferien machen soll. Angestrengt überlegt sie, wo in der Küche der Flaschenöffner sein könnte. Sie hat das Bedürfnis das Fenster zu öffnen. Sie sollte ein Glas Wein trinken und dann bald ins Bett gehen. Aber der ganze Abend war so unbefriedigend. Endlich fällt ihr ein, dass der Flaschenöffner im Schlafzimmer sein könnte. Die nächste Zigarette schmeckt richtig gut. Ihre Stimmung steigt. Sie beginnt zu «zappen». Obwohl ihr das schon öfter aufgefallen ist, ist sie jedes Mal wieder verwundert, warum in einem Sportsender Erotikclips gezeigt werden. In Arte findet sie einen Bericht über einen modernen Bildhauer. Sie guckt interessiert zu und konstruiert sich als einen Zuschauer, der wie ein Journalist über die Sendung berichten wird. Der Gedanke an die nächste Analysestunde deprimiert sie allerdings. Was könnte sie morgen nur erzählen. Sie hat ja nur zu Hause gesessen und auf die Arbeit hat sie sich gar nicht vorbereitet. Überraschend öffnet sich der Vorspann für einen sozialkritischen Film des italienischen Realismus. Der Wein tut seine Wirkung, sie denkt das sie heute letztmals mit Genuss viel Rauchen wird.

Obwohl sie den Film richtig gut findet, kann sie die brennenden Augen kaum noch aufhalten. Aber es wäre undenkbar, das Ende zu verpassen. Als die letzten Nachrichten beginnen, es ist mittlerweile ein Uhr dreizig, wankt sie verschlafen ins Bad und beschließt, das Zähneputzen auf den Morgen zu verschieben sollte. Im Bett stellt sich schließlich der angstvolle Gedanke ein, ob sie wird einschlafen können. Schon gegen fünf Uhr wacht sie auf. Sehnsüchtig wartet sie auf die erste Zigarette zum Kaffee im Stehen, bevor sie verspätet zur Arbeit hetzt. Sie fühlt sich sowas von zerschlagen.

Vor der nächsten Analysestunde beunruhigt sie vor allem eine Frage: Worüber werde ich sprechen? Spontan fällt ihr nichts ein. Sie hat eine Liste von Themen, auf die sie immer zurückgreifen kann, aber sie muss aufpassen, dass ich nicht Verdacht schöpfe. Sie würde es mir gerne recht machen, aber so richtig habe ich ihr nie erklärt, wie das gehen kann. Oder hat sie mich nicht verstanden? Sie schweigt und hofft auf ein Wunder. Die Dauer des Schweigens bringt sie zusätzlich unter Druck. Ihr Kopf zieht sich zusammen. Es wird eng. Schon hundert Mal hat sie sich gefragt, warum ich nicht mit ihr rede. Sie beginnt sich Vorwürfe zu machen, aber an ihren Selbstvorwürfen scheine ich nicht mehr interessiert zu sein. Selbstvorwürfe stehen zurzeit auf dem Index. Sie hat den Eindruck, dass ihr für heute nichts einfallen wird. Sie versteht nicht, warum ich sie nicht einfach rausschmeiße, was sie andererseits am meisten fürchtet. Sie kann nicht mehr nachdenken, sie fühlt sich erschöpft. Wie lange hat sie schon geschwiegen?

Verzweifelt sagt sie schließlich: "Gestern habe ich eine Talkshow gesehen, da hat ein Psychoanalytiker teilgenommen." Sie schweigt und wartet auf meine Reaktion, von der sie weiß, dass sie kaum erfolgen wird. Wir schweigen weiter. Defensiv fährt sie fort, wohl wissend, dass ich vermutlich ebenfalls nicht antworten werde: "Haben sie die Sendung auch gesehen? Ich bin nicht sicher, ob es ein Psychoanalytiker war. Ich habe die Vorstellung der Runde verpasst."

Sie schweigt. Vielleicht passiert doch noch ein Wunder. Eine Welle von Schuldgefühlen überfällt sie und sie hat den Eindruck sich ganz verloren zu haben. Morgen wird sie sich anstrengen, falls ich ihr noch eine weitere Chance gebe.

5. Vielleicht können Sie nachvollziehen, dass über die Monate und Jahre solche Stundensequenzen zu verschiedensten Überlegungen im Psychoanalytiker führen, die alle darauf abzielen doch einen lebendigen Dialog zu ermöglichen. Mir ist einsichtig geworden, dass meine Patientin eine Art Fernsehgast-Beziehung sehnsuchtsvoll in der psychoanalytischen Situation erwünscht. Die vordergründig befriedigenden Anteile der intermedialen Prozesse schienen ihr das einzig mögliche Vorbild, für Erfahrungen innerhalb ihrer Psychoanalyse zu sein. Sie hat das Gefühl mit sich, bei mir nur überleben zu können, wenn sie an meiner, von ihr fantasierten Programmvielfalt, teilhaben könnte.

Die Erfahrungen, die sie mit ihren Fernsehnächten machte, führten allerdings zu Gefühlen von existenzieller Leere und Verlust von Initiative. Vor allem in ihren Analysestunden realisierte sie, dass sie sich nicht nähergekommen, sondern sich vielmehr erneut verloren hatte. Sie konnte sich nicht finden. Wiewohl sie immer aufs Neue, die Hoffnung hatte, eine Fernsehnacht könnte ihr durch die eine oder andere Identifizierung mit unterschiedlichsten Personen oder Ideen, einen Schub geben, sich selber zu irgendetwas zu motivieren. Aber ein solches Vergnügen wollte sich einfach nicht einstellen. Dass ich trotzdem weiter mit ihr die Stunden teilte und immer wieder das eine oder andere sagte, hatte in ihr die Vorstellung hervorgerufen, dass sie gewissermaßen an meinen Fertigkeiten teilhaben könnte, ähnlich, wie sie das vom Fernsehen erhoffte, und sich so selber zu finden. Aber es schien, als ob ich mich in dieser Weise nicht zur Verfügung stellen wollte, was sie manchmal verzweifelte, ratlos machte und manchmal wütend.

Der Verschollene Tom Hanks im Film hatte durch die kreative Herstellung seines «Wilson» einen Gesprächspartner erschaffen, mit dem er in einen Dialog eintreten und damit eine erzwungen autistische Situation dialogisieren konnte. Unerträgliche Gefühle wurden externalisiert und im Gegenüber angegriffen oder beruhigt. Der Protagonist in Oesterle's Roman hat sich Zugang zur Befriedigung seiner vorhandenen Neugier verschafft und damit eine Vielzahl sozialer Kompetenzen einsetzen und verfeinern müssen. Mein depressiver Fernsehgast hat weder die eine noch die andere Leistung erbringen können. Sie wollte ihre grauen und leeren, wenngleich angespannt explosiven, Gefühle, mit meiner und der Hilfe des Fernsehens vitalisieren. Was sie aber erlebte, war schließlich das Gegenteil. Sie gewann den Eindruck, sich selber mehr und mehr zu verlieren und die daraus resultierenden Schuldgefühle setzten ihr heftig zu. Ihre kreative Leistung bestand allenfalls darin, zwischen mir und dem Fernsehen Bezüge herzustellen. Soweit dies möglich war, rezipierte sie alles, was sich mit Psychotherapie und Psychoanalyse im Fernsehen beschäftigte. Darüber konnte sie dann mit mir reden. Es ist nicht Thema dieses Vortrages der Frage nachzugehen, wie Leere und Mangel an Vergnügen für depressive Menschen zu furchbaren Erfahrungen werden, aber ich wollte verdeutlichen, dass das Fernsehen diese Zustände nicht wirklich mildern kann.

Immerhin wiederholen sich derartige Zustände in der psychoanalytischen Situation und vieles hängt davon ab, ob es dem Psychoanalytiker gelingt, mehr als ein 'Wilson' oder ein 'Fernseh-Gastgeber' zu werden, der die jeweilige Bedürftigkeit hört, versteht und deutend präsent machen kann. Wie sehr der Patient den Wunsch hat vom Psychoanalytiker vitalisiert zu werden, sosehr fürchtet er auch, durch dessen «Programmvielfalt» verwirrt und dominiert zu werden. Das stellt für die Behandlungstechnik eine ungeheure Anforderung dar. Solche Patienten lösen im Psychoanalytiker schnell einen ganz erheblichen Druck aus, aktiv zu werden, gewissermaßen die angebotenen Leerstellen des Patienten gestaltend zu füllen. Gäbe der Psychoanalytiker diesem Druck nach, würde er, wie das Fernsehen beim depressiven Fernsehgast, intrusiv in die innere Welt des Patienten eindringen, ohne dass dieser in der Lage wäre zwischen sich selbst und dem Anderen ein Gleichgewicht herzustellen. Das Selbst des Patienten würde sich weiter entleeren und als solches für ihn noch weniger spürbar werden. Ganz im Gegenteil wird nur ein gezieltes Zuhören Veränderung initiieren, ein Zuhören, das weder ein 'Wilson' noch irgendein Fernsehprogramm je reali-sieren kann.

Nimmt man sich Zeit dem nachzugehen, kommt man zu erstaunlichen Einsichten. Auch häufig schweigende Patienten realisieren präzise ob wir ihnen zuhören oder nicht. Ich musste das Zuhören neu für meine Patientin lernen und das bedeutete über lange Strecken vor allem auf mein vorab erworbenes Wissen zu verzichten. Das hört sich furchtbar einfach an, ist aber leider sehr schwierig. Es bedeutet nämlich nichts anderes, als eine fortgesetzte Beschäftigung mit all den sich aufdrängenden Einfällen, Vorstellungen, Wünschen usw. die in einem selber entstehen, wenn ein Patient es darauf anlegt, einen zum Helfen, Intervenieren oder Reden zu bringen. Paradoxerweise ist also das, was der Patient in seiner Einsamkeit am meisten wünscht, genau das, was er am meisten befürchtet, nämlich das ein Anderer vorgeben könnte zu wissen, was er am meisten braucht. Gleichzeitig, um die Sache noch verwirrender zu machen, ist genau dieses Wissen um seine spezifische Bedürftigkeit, eine Voraussetzung dafür, dass der Patient sich selber wiederfinden kann. Sich nämlich dort wiederzufinden, wo er sich in seiner Entwicklung ­ um sich vor einem intrusiven oder verfolgenden Objekt zu schützen ­ selber verloren hat. Noch komplizierter wird der Zusammenhang dadurch, das solche Patientin nur aus dem triumphalen Gefühl Gewinn ziehen können, dass sie restlos verborgen bleiben ­ also nicht an der Welt der wirklichen Wünsche und ihrer Befriedigungen, wie alle anderen Menschen auch beteiligt sind ­ der melancholische Triumph, wie ich es nennen möchte.

Die Beschäftigung mit sich selbst wird für den Psychoanalytiker zur eigentlichen Belastung in der psychoanalytischen Situation, weil er dabei alle Zweifel und Bedenken über sein Tun erlebt, die sein depressiver Patient andauernd empfindet. Verfolgt er diesen Weg aber konsequent, erreicht er seinen Patienten langfristig in einer Weise, die es jenem erlaubt sich mit all seinen Mängeln zu akzeptieren, weil die stattgefundenen oder befürchteten Ein- und Übergriffe von Außen, sich langsam beginnen zu entleeren. Das heißt, der Selbstverlust dient auch einem konstruktiven Ziel, nämlich all die fremden Vorschriften, Bandagen und Medikamente loszuwerden, um an einen eigenen fiktiven Kern zu gelangen, der eine Qualität besitzt die liebenswert sein könnte, oder um es technischer auszudrücken, der vom Patienten libidinös besetzt werden kann. Meine Patientin hat mir diesen Zusammenhang unter anderem, durch einen Traum erschlossen, den ich ihnen abschließend berichten möchte:

"Ich hatte einen Traum über das Wochenende: Ich war wohl hier in Analyse. Aber entweder bin ich eingeschlafen oder ich bin gegangen ... Beim Gehen muss ich wohl bemerkt haben, dass Sie einen großen Bogen Papier vor sich hatten, auf dem verschiedene Konstruktionen - Skizzen - gezeichnet waren ... Ich blieb noch im Haus ... habe geduscht. Ich dachte noch, ich weiß nicht, ob das in Ordnung ist. Es war Ihr privates Bad, nicht das für Gäste in der Praxis. Dann wollte ich noch aufs Klo, aber da war furchtbar viel aufgetürmt ... das musste ich erst wegräumen ... Längeres Schweigen Heißt das nicht (zögernd), dass ich hier allen Schmutz loswerden möchte? Aber ich weiß nicht, ob das ... ob Sie das ... ob das für Sie persönlich ... So ist es doch im Traum, dass ich dusche, aufs Klo will ... den Schmutz hier lassen! Aber es waren ja Ihre privaten Räume, nicht die Praxis ... Schweigen

Ich kann Ihnen nicht den gesamten Stundenverlauf und unsere gemeinsame Erarbeitung des Materials darstellen, der Traum dient hier dazu zu verdeutlichen, wie die Patientin nach einem längeren Prozess authentisch verständlich machen konnte, wie sie ihre Psychoanalyse versteht, wie sie sie verwendet und was sie im Moment von ihr gebrauchen kann. Insofern war dieser seltene Traum von herausragender Bedeutung, neben vielen Alpträumen, denen eine konstruktive Darstellung psychischer Inhalte weit weniger möglich war. Der manifeste Trauminhalt bringt zwei Aspekte auf den Punkt:

- Die Patientin schläft in der Analysestunde bzw. ist im Gehen. Dabei bemerkt sie, dass der Psychoanalytiker mit Zeichnen (also mit sich selber) beschäftigt ist.
- Die Patienten ist dann damit beschäftigt, ob und wie sie in den seelischen Räumen des Psychoanalytikers ihren Schmutz loswerden kann und ob er damit (so ihre Einfälle) einverstanden ist.

Eine nicht intrusive Gemeinsamkeit, bei der das Denken meiner Patientin weitgehend ausgeschaltet und der Psychoanalytiker mit sich selbst beschäftigt ist, scheint die Voraussetzung dafür, einen Platz zu finden, wo sie ihren Dreck loswerden kann. Erst, wenn das gelungen ist, so könnte man weiterdenken, kann sie sich selber wiederfinden und womöglich mit dem Psychoanalytiker in einen persönlichen Diskurs eintreten. Ein richtig verstandenes Zuhören, wäre also die erste und wichtigste therapeutische Aufgabe zu diesem Moment.

Solche Patienten hoffen in aller Regel schon lebenslang, endlich jemanden zu finden, der ihnen auf eine aktive, aber nicht intrusive Weise, zuhört. Und genauso erfolglos erwarten sie von «intermedialen Beziehungen» Unterstützung darin, sich persönlich ins Spiel bringen zu können. Vergleicht man die ungeheuren Mittel, die sich unsere Gesellschaft zur Finanzierung ihrer Unterhaltungsindustrie leistet, mit den Mitteln die sie aufwendet um ihren Mitgliedern in diesem Sinne Gehör zu verschaffen, könnte man sagen, dass ein psychoanalytischer Prozeß gerade zu ein 'Schnäppchen' wäre.

6. Lassen sie mich abschließend noch eine Bemerkung machen. Beim Durchlesen des Manuskripts fiel mir auf, dass es in meinem Text wenig zu lachen gibt. Während ich darüber nachdachte, stellte ich fest, dass ich keine Witze kenne, die das Fernsehen als solches zum Gegenstand haben. Natürlich kann ich mich irren, weil ich ohnehin leider zu wenige Witze kenne. Sollte meine Beobachtung aber stimmen, dann muss das Fernsehen an sich eine mehr als ernste Sache sein.